KUNSTHERBST BERLIN 06

Vom 15. September bis 6. Oktober 2006 zeigte die Galerie Neurotitan im Haus Schwarzenberg e.V. die Ausstellung
TOTALISM? INSIDE ODER OUTSIDE TOTAL:



Pressestimmen zur Ausstellung:

TAZ BERLIN vom 26.9.2006:
"(...) "Uns ging es nicht um die theoretische Analyse politischer Systeme. Stattdessen wollten wir danach fragen, was in unserem Alltag passiert. In welchen Situationen gibt es nur noch ein Drinnen oder ein Draußen? Wann unterliegen wir der Gefahr, von etwas völlig aufgesogen zu werden? Da erschien uns der Begriff des Totalitarismus recht passend", sagt Yvonne Paul, die gemeinsam mit Sandra Becker 01 die Ausstellung kuratiert hat.(...)"
Der gesamte Artikel ist nachzulesen unter:
//www.taz.de/pt/.archiv/suche?mode=erw&tid=2006%2F09%2F26%2Fa0222.red&demo=1&ListView=0&rev=1&name=askdctCrk&tx=Totalism&sdd=01&smm=01&syy=2006


Zitty Tagestipp vom 15.9.2006:
"Totalitarismus war nicht nur gestern. Das zumindest zeigen acht Künstler, die sich mit totalitären Zügen des Alltags auseinander setzen. So haben Beate Klompmaker signalrote Ein-Euro-Job-Tüten als bissige Metapher auf den multifunktionalen, allzeit einsetzbaren Ein-Euro-Jobber gebastelt und Peter Kees einen TÜV für die Gesellschaftsfähigkeit des Menschen entwickelt. Yvonne Paul liefert ein Kunstwerk aus biometrischen Daten ihrer Haare."
Quelle: //tagestipps.zitty.de/


Tagesspiegel vom 14.9.2006:
"Totalitarismus war nicht nur gestern. Das zumindest zeigen acht Künstler, die sich mit totalitären Zügen des Alltags auseinander setzen. So haben Beate Klompmaker signalrote Ein-Euro-Job-Tüten als bissige Metapher auf den multifunktionalen, allzeit einsetzbaren Ein-Euro-Jobber gebastelt und Peter Kees einen TÜV für die Gesellschaftsfähigkeit des Menschen entwickelt. Yvonne Paul liefert ein Kunstwerk aus biometrischen Daten ihrer Haare."
Quelle: //www.tagesspiegel.de/ticket/archiv/14.09.2006/2759047.asp



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TOTALISM? INSIDE ODER OUTSIDE TOTAL

Acht zeitgenössische Künstler/Innen befragen während des Berliner Kunstherbstes 2006 die aktuelle Situation in der Bundesrepublik Deutschland nach totalitären Tendenzen. Das Haus Schwarzenberg bietet einen passenden historischen Rahmen für diese Ausstellung – die ältere und jüngste Geschichte des Viertels bildet sich hier nicht nur ab, sondern wird in einem lebendigen Zusammenhang erfahrbar: die Vertreibung und Ausrottung der europäischen Juden durch das NS-Regime zwischen 1933 und 1945; die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands.

In der Ausstellung werden allerdings weniger politische Systeme nach totalitären Strukturen untersucht; ausgehend von der Beobachtung, dass sich derzeit auch auf allen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens immer stärker Strukturen etablieren, die totalitäre Züge aufweisen, befragen wir unseren ganz normalen Alltag mit künstlerischen Mitteln nach: TOTALISM?

Beate Klompmaker widmet sich den 1-€uro-Jobs, mit denen Langzeitarbeitslose eigentlich in den regulären Arbeitsmarkt integriert werden sollen, was allerdings nur selten gelingt. Ihre signalrote „1-€-Job-Tüten“ zeigen die Absurdität und menschenverachtende Wirkung der 1-€uro-Jobs: Sie sind durchnummeriert, multifunktional, jederzeit verfügbar, flexibel an jedem Ort einsetzbar und ALLE sehen gleich aus - Eigenschaften, die nicht nur von „1-€uro-Jobbern“ verlangt werden. Dabei bleiben die 1-€uro-Jobber arbeitslos, tauchen aber nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. Das Problem wird dadurch gelöst, das man die Arbeitslosen „verschwinden“ lässt.
1 Euro Tuete Beate Klompmaker
"1-€-Job-Tüte", Beate Klompmaker


Die Angst vor dem gesellschaftlichen Abstieg durch Arbeitslosigkeit thematisieren auch Jasmina Llobet und Luis Fernández. So setzt sich die Videoinstallation „small talk“ ironisch mit den Seminaren und Coachings zur Optimierung der eigenen Persönlichkeit auseinander. Mit neongelben Plakatwänden schaffen die beiden spanischen Künstler einen ungemütlichen, kalten Rahmen für ihr „small talk“-Seminar – während eine harmlos aussehende Comicfigur das unpersönliche Videotraining moderiert.
small-talk Jasmina Llobet und Luis Fernandez
"small talk", Jasmina Llobet und Luis Fernandez


Der interaktive Terminal „PSÜV (Psychisch-Sozialer-Überwachungsverein) - der TÜV für den Menschen“ von Peter Kees spielt mit unserer freiwilligen(?) Bereitschaft, sich einer entfesselten Wirtschaft mit ihren Forderungen nach Konsumorientierung, Eigenverantwortung, Effizienz und Kontrolle unterzuordnen. Der „PSÜV“ fordert den Menschen dazu auf, es der Maschine gleichzutun und sich auf seine Gesellschaftsfähigkeit checken zu lassen: „Für eine saubere und sichere Gesellschaft!“
PSUEV_Peter Kees
"PSÜV", Peter Kees


Das Verflixte in der Sache liegt darin, das es NIEMANDEN gelingen kann, sich in ein perfektes menschliches Geschöpf zu verwandeln; wir ALLE scheitern also permanent. An dieser Stelle sammeln auch Sekten bzw. so genannte „konfliktträchtige Gruppen“ ihre Mitglieder ein: Sie versprechen ihren Anhängern die Entwicklung der eigenen Individualität zu einer höheren, gottgleichen Daseinsform, wenn sich der Einzelne freiwillig einem „höheren Wesen“ (Führer, Guru, Coach …) unterordnet, das die Verantwortung für ihn übernimmt. Einen der Tricks, mit denen ein „Guru“ seine Anhänger manipuliert, zeigt die Fotoinstallation „Interview“ von Sandra Becker 0. Als „Coach“ behauptet er, er könne an den sich symmetrisch verschönenden Gesichtszügen des Aspiranten sehen, wann dieser seine innere Wahrheit gefunden hätte: Diesen „idealen“ Zustand kann selbstverständlich nur der Coach erkennen, und der Aspirant wird zu einem Eingeweihten, wenn er ihm glaubt und bedingungslos vertraut. Eingesogen in eine hermetisch abgedichtete Welt, gibt es für diese Menschen nur noch die totale Zugehörigkeit (innen) oder die totale Feindschaft (außen). Eine Vermittlung zwischen „Außen“ und „Innen“ ist nicht mehr möglich, denn das Motto lautet: INSIDE-ODER-OUTSIDE-TOTAL.
Interview Sandra Becker 01
"Interview", Sandra Becker 01


Auch die Neuen Kommunikationstechnologien bieten ihren Nutzern die Möglichkeit, sich selbst zu verlieren und aufgehen zu können in einem allmächtigen Superprojekt. Die irritierende Selbstverständlichkeit, mit der sich jeder Internetnutzer an ihm völlig unbekannte Kontrollinstanzen ausliefert, thematisiert die Installation „ID-Metrie“ von Yvonne Paul. Die Haare der Künstlerin sind in durchsichtigen CD-Hüllen fixiert. Die sensiblen biometrischen Daten sind nicht mehr vor unbefugten Blicken geschützt, sondern im Gegenteil den Blicken aller Betrachter preisgeben. Der Datenschutz und die Wahrung der Intimsphäre sind hier nicht mehr möglich.

//yvonnepaul.twoday.net/stories/2600978/


Die Installation „Orientierungen“ von Gertrud Schrader zeigt den Versuch einer zeichnerischen Aneignung visualisierter Daten aus dem Inneren des menschlichen Körpers. Hier wird das Eigenleben der digitalisierten Körper aus dem medizinischen Bereich vorgeführt, die nicht mehr deckungsgleich sind mit den realen, menschlichen Körpern. Dank der errechneten Bilder der bildgebenden Untersuchungsverfahren (Ultraschall, CT) hat die moderne Medizin den realen menschlichen Körper gegen einen „utopischen“, idealen, perfekten Körper ausgetauscht, der berechenbar und berechnet ist – die Verwirklichung des Neuen Menschen!
Orientierungen_Gertrud Schrader
"Orientierungen", Gertrud Schrader


Die kleinste Keimzelle des INSIDE ODER OUTSIDE TOTAL zeigt Andrea Loux’ Videoinstallation „Roulette (vor und zurück)“: Die Kleinfamilie. Die Schweizer Künstlerin führt die Mutter-Vater-Kind-Einheit als Urform der hermetischen, geschlossenen Systeme vor. Hier werden die Techniken der manipulativen Interaktionen, der absoluten Machtspiele, des gnadenlosen Konkurrenzkampfes entwickelt und trainiert.
Roulette-vor und zurueck Andrea Loux
"Roulette (vor-und-zurück)", Andrea Loux

Anscheinend fällt es uns schwer, diese Muster zu durchbrechen und unsere Welt NICHT danach zu gestalten. Es ist erstaunlich, dass wir uns selbst Strukturen und Situationen schaffen, die totalitäre Züge aufweisen, obwohl die durch Hannah Arendt vermittelte Erkenntnis auch heute noch richtig ist:

„(…) Für [Hannah Arendt] gilt nicht der alte Satz: So musste es kommen. Die Konstruktionen der Sinnzusammenhänge, die zu Kausalitäten in der Geschichte werden oder werden können; sind nicht als schlechthin zwingend gemeint. Denn erkannt, sind sie revidierbar. Es liegt am Menschen und nicht an einem dunklen Verhängnis, was aus ihm wird. (…)“
(Auszug aus dem Geleitwort von Karl Jaspers 1955 zu Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft; S. 12, Piper Verlag, 1986 München)


Sandra Becker 01 und Yvonne Paul


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Eröffnung am Freitag, 15. September um 20 Uhr
Ausstellung vom 15. September bis 6. Oktober 2006

NEUROTITAN - Shop & Galerie im Haus Schwarzenberg
Rosenthaler Straße 39 / 10178 Berlin
Mo - Sa : 12 - 20 Uhr

Info: //www.neurotitan.de/archiv/ausstellung/0609totalism.html

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Einführung in die Ausstellung:

Acht zeitgenössische Künstler/Innen befragen während des Berliner Kunstherbstes 2006 die aktuelle Situation in der Bundesrepublik Deutschland nach totalitären Tendenzen. Das Haus Schwarzenberg in der Rosenthaler Straße 39 in Berlin Mitte, das die Galerie Neurotitan – unseren Ausstellungsort - beherbergt, bietet dazu den passenden historischen Rahmen:
Während der NS-Diktatur versteckten sich in der Rosenthaler Straße 39 Juden vor der Verfolgung durch die Nazis. Das damalige Versteck (das Einzige heute noch erhaltene in Europa) beherbergt inzwischen das „Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt“. Außerdem befindet sich das „Anne Frank Zentrum“ im Haus Schwarzenberg.
Zu DDR-Zeiten wurden das Gebäude und das Gebiet um die Rosenthaler Straße mit seinen Erinnerungen an das zerstörte, ehemals aber sehr lebendige jüdische Leben vernachlässigt. Die DDR-Diktatur (der Satellit der Sowjetunion) wollte sich mit den Gräueln der Nazi-Diktatur (Stalin war ein Bewunderer Hitlers) an diesem Ort nicht auseinandersetzen.
Der Ort der Ausstellung atmet also Geschichte, was wäre demnach nahe liegender, als eine Ausstellung mit politischer Blickrichtung zu machen? Allerdings werden nicht politische Systeme nach totalitären Strukturen untersucht. Ausgehend von der Beobachtung, dass auf allen Ebenen des öffentlichen und privaten Lebens sich immer stärker Strukturen etablieren, die totalitäre Züge aufweisen, befragen wir unseren ganz normalen Alltag mit künstlerischen Mitteln nach: TOTALISM?

Z.B. sind Langzeitarbeitslose dank der MAE-Stellen (MAE = Arbeitsgelegenheiten mit Mehraufwandsentschädigung), besser bekannt als 1-€uro-Jobs, in ein bürokratisches System gezwungen, das sie eigentlich in den regulären Arbeitsmarkt integrieren sollte, was jedoch nur selten gelingt. Zu oft wird das genaue Gegenteil bewirkt: Reguläre Stellen werden, um Kosten zu sparen (und die öffentlichen Haushalte zu sanieren!) in MAE - Stellen umgewandelt. Trotzdem bleibt das System der 1-€uro-Jobs erhalten – warum?
Die Absurdität und menschenverachtende Wirkung der 1-€uro-Jobs zeigen Beate Klompmakers signalrote „MAE-Tüten“: Sie sind durchnummeriert, multifunktional, jederzeit verfügbar, flexibel an jedem Ort einsetzbar und Alle sehen gleich aus. Ähnliche Eigenschaften werden nicht nur von „1-€uro-Jobbern“ verlangt. Ähnlich wie im stalinistischen Russland wird das Arbeitslosenproblem in der Bundesrepublik Deutschland gelöst, indem man die Arbeitslosen „verschwinden“ lässt. Denn jede/r „1-€-Jobber“ bleibt
zwar arbeitslos, taucht aber nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik auf. An einer Verschärfung der Hartz-4-Reformen wird schon gearbeitet, und die Devise scheint zu lauten: Wer nicht arbeitet, darf auch nicht essen. Auch das wurde schon unter Stalin ausprobiert.

1 Euro Tuete Beate Klompmaker
"1-€-Tüte", Beate Klompmaker


Ähnlich wie in der Weimarer Republik wächst für immer weitere Teile der Bevölkerung die Bedrohung eines gesellschaftlichen Abstiegs durch Arbeitslosigkeit. Immer mehr Menschen befinden sich trotz perfekter Lebensläufe in prekären finanziellen Situationen. Grenzenloser beruflicher Einsatz und Identifikation mit dem Arbeitgeber werden selbstverständlich eingefordert, jedoch nicht mit Anerkennung und existenzieller Sicherung belohnt. Ein gnadenloser Konkurrenzkampf tritt an die Stelle von kollegialer Solidarität. Den Einzelkämpfern wird suggeriert, durch das richtige soziale Verhalten, das in Seminaren und Coachings erlernbar und trainierbar wäre, dem befürchteten Abstieg entkommen zu können. Der Eigenverantwortung verpflichtet, traut sich inzwischen kein/e Arbeitnehmer/in mehr, sich beruflich NICHT weiterzubilden und die eigene Persönlichkeit den Anforderungen an die Wirtschaft anzupassen. Die Videoinstallation „small talk“ von Jasmina Llobet und Luis Fernández Pons setzt sich ironisch mit den Trainings zur Optimierung der eigenen Persönlichkeit auseinander. Mit neongelben Plakatwänden schaffen die beiden spanischen Künstler einen ungemütlichen, kalten Rahmen für ihr „small talk video training“ – während eine harmlos aussehende Comicfigur das unpersönliche Seminar moderiert.

small-talk Jasmina Llobet und Luis Fernandez
"small talk", Jasmina Llobet und Luis Fernandez


Auch der „PSÜV (Psychisch-Sozialer-Überwachungs-Verein) - der TÜV für den Menschen“ von Peter Kees spielt mit unserer freiwilligen(?) Bereitschaft, sich einer entfesselten Wirtschaft mit ihren Forderungen nach Konsumorientierung, Eigenverantwortung, Effizenz und Kontrolle unterzuordnen. Der interaktive Terminal „PSÜV“ fordert den Menschen dazu auf, es der Maschine gleichzutun und sich vom „Psychisch-Sozialen-Überwachungsverein“ auf seine Gesellschaftsfähigkeit checken zu lassen. Selbstverständlich ist der „PSÜV“ selbst eine Maschine, ein Computer, in dessen binäre Logik sich der Mensch einfühlen muss, um den Test zu bestehen. Wem das nicht gelingt, dem wird die Zulassung zur Gesellschaft verwehrt. „Für eine saubere und sichere Gesellschaft!“

PSUEV_Peter Kees
"PSÜV", Peter Kees


Hier werden die Spannungen und unerfüllbaren Anforderungen an ein gelingendes Leben bzw. an einen gesellschaftlich anerkannten Menschen deutlich. Das Verflixte daran ist, das es Niemandem gelingen kann, sich in ein perfektes menschliches Geschöpf zu verwandeln, wir ALLE scheitern also permanent. Und dafür kann nicht mehr Gottes Wille, das Schicksal oder die Eltern verantwortlich gemacht werden, sondern jede/r Einzelne hat die Schuld bei sich selbst zu suchen. Immer wieder müssen Lebenszusammenhänge neu reflektiert werden; ständig sind Entscheidungen zu treffen, deren Richtigkeit nicht überprüfbar ist. Die Folgen sind oft Vereinsamung, Depressionen, Vereinzelung. Dem Zwang zur Eigenverantwortung entziehen sich Menschen teilweise, indem sie sich in Süchte flüchten (Drogen-, Medikamenten-, Alkohol-, Sex-, Arbeit-, Spiel-, Kaufsucht etc.).

An dieser Stelle sammeln auch Sekten bzw. so genannte „konfliktträchtige Gruppen“ ihre Mitglieder ein: Sie versprechen ihren Anhängern die Entwicklung der eigenen Individualität zu einer höheren, gottgleichen Daseinsform. Der Einzelne ist seiner Eigenverantwortung enthoben und ordnet sich freiwillig einem „höheren Wesen“ (Führer, Guru, Coach…) unter, das die Verantwortung für ihn übernimmt.
Die Fotoinstallation „Interview“ von Sandra Becker 01 zeigt einen der Tricks, mit denen ein „Guru“ seine Anhänger manipuliert. Als Coach behauptet er, er könne an den sich symmetrisch verschönenden Gesichtszügen des Aspiranten sehen, wann dieser seine innere Wahrheit gefunden hätte: „Wenn Du genau weißt, was Du willst und mit Dir im Reinen bist, dann kann ich das an Deinen symmetrischen Gesichtszügen sehen.“ Diesen „idealen“ Zustand kann selbstverständlich nur der Coach erkennen, und der Aspirant wird zu einem Eingeweihten, wenn er ihm glaubt. Diese pseudowissenschaftliche Methode erinnert an die pseudowissenschaftlichen Rassentheorien der Nazis. Wer während des dritten Reiches per Stammbaum den Nachweis erbrachte, kein Jude zu sein hatte sich auf diese Art in das höher bewertete Kollektiv der Arier eingefügt (außerdem haben die Nazis Gesichter nach „rassischen“ Merkmalen vermessen). Die Mitglieder so genannter „konfliktträchtiger Gruppen“ werden absolut in eine hermetische, imprägnierte Welt eingesaugt, so dass es für diese Menschen nur noch die totale Zugehörigkeit (innen) oder die totale Feindschaft (außen) gibt. Eine Vermittlung zwischen „Außen“ und „Innen“, den „Eingeweihten“ und den „Außenstehenden“ ist nicht mehr möglich, denn das Motto lautet: INSIDE-ODER-OUTSIDE-TOTAL.

Interview Sandra Becker 01
"Interview", Sandra Becker 01


Auch die Neuen Kommunikationstechnologien bieten den Nutzer/innen die Möglichkeit, sich selbst zu verlieren und aufgehen zu können in einem allmächtigen Supersubjekt. Um ein Teil der weltweiten Kommunikationsgesellschaft zu werden, speist sich jede/r User/in freiwillig mit seinen persönlichen Daten in die digitalen Netze ein und opfert dem unersättlichem @ die Zeit und Muße, die zur Reflexion der vielen empfangenen Informationen nötig wäre. Viele Menschen sind nicht mehr Teilnehmer der vernetzten Medien-Gesellschaft, sondern werden selbst zu Medien, zu Datensätzen, zu Informationen.
Die irritierende Selbstverständlichkeit, mit der sich jeder Internetnutzer an ihm völlig unbekannte Kontrollinstanzen ausliefert, thematisiert die Installation „ID-Metrie“ von Yvonne Paul. Die Haare der Künstlerin sind in durchsichtigen CD-Hüllen fixiert. Die sensiblen biometrischen Daten sind nicht mehr vor unbefugten Blicken geschützt, sondern im Gegenteil den Blicken aller Betrachter preisgegeben. Der Datenschutz oder die Wahrung der Intimsphäre sind hier nicht mehr möglich. Die Polizeiapparate totalitärer Regierungen träumten davon, jede Bewegung jedes einzelnen Bürgers permanent nachvollziehen und auf riesigen Wandtafeln abbilden zu können, lange vor Erfindung des www. Das Internet, mit militärischer Unterstützung entwickelt, macht diesen Traum wahr.

//yvonnepaul.twoday.net/stories/2600978/


„Alles, was sichtbar ist, ist kontrollierbar“ – dieses Motto wird in der Medizin dank der bildgebenden Untersuchungsverfahren (Ultraschall und CT) realisierbar.
Die Installation „Orientierungen“ von Gertrud Schrader zeigt den Versuch einer zeichnerischen Aneignung visualisierter Daten aus dem Inneren des menschlichen Körpers. Hier wird das Eigenleben der digitalisierten Körper aus dem medizinischen Bereich vorgeführt, die nicht mehr deckungsgleich sind mit den realen, menschlichen Körpern. Den Ärzten, die ihre medizinischen Befunde dank der bildgebenden Untersuchungsverfahren erhalten ist oft nicht klar, dass die Ultraschall oder CT-Bilder den realen Körper nicht einfach zeigen, sondern Daten des lebendigen Körpers in ein errechnetes Bild übersetzen. Die Ärzte sehen sich also ein Fake an, wenn sie denken, den realen Körper des Patienten zu untersuchen. Dank der errechneten Bilder der bildgebenden Untersuchungsverfahren hat die moderne Medizin den realen menschlichen Körper gegen einen „utopischen“, idealen, perfekten Körper ausgetauscht, der berechenbar und berechnet ist – die Verwirklichung des Neuen Menschen!

Orientierungen_Gertrud Schrader
"Orientierungen", Gertrud Schrader


Die kleinste Keimzelle des INSIDE ODER OUTSIDE TOTAL zeigt Andrea Loux’ Videoinstallation „Roulette (vor und zurück): Die Kleinfamilie. Die Schweizer Künstlerin führt die Mutter-Vater-Kind-Einheit als Urform der hermetischen, geschlossenen Systeme vor. Hier werden die Techniken der manipulativen Interaktionen, der absoluten Machtspiele, des gnadenlosen Konkurrenzkampfes entwickelt und trainiert.

Roulette-vor und zurueck Andrea Loux
"Roulette (vor-und-zurück)", Andrea Loux


Anscheinend fällt es uns schwer, diese Muster zu durchbrechen und unsere Welt NICHT danach zu gestalten. Es ist erstaunlich, dass wir uns selbst Strukturen und Situationen schaffen, die totalitäre Züge aufweisen, obwohl die durch Hannah Arendt vermittelte Erkenntnis auch heute noch richtig ist:
„(…) Für [Hannah Arendt] gilt nicht der alte Satz: So musste es kommen. Die Konstruktionen der Sinnzusammenhänge, die zu Kausalitäten in der Geschichte werden oder werden können; sind nicht als schlechthin zwingend gemeint. Denn erkannt, sind sie revidierbar. Es liegt am Menschen und nicht an einem dunklen Verhängnis, was aus ihm wird. (…)“
(Auszug aus Karl Jaspers Geleitwort von 1955 zu Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft; S. 12, Piper Verlag, 1986 München)


© Yvonne Paul im August 2006

Der Text erscheint als Einführung in der Ausstellungsdokumentation, die zur Eröffnung in der Galerie erhältlich sein wird.